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Weihnachtsgeschichten
Georg Magirius

Georg Magirius … ist Schriftsteller und Theologe. Er beherrscht den Spagat zwischen Tiefgang und Leichtigkeit auf meisterhafte Weise. Uralte biblische Mythen fädelt er auf kuriose Weise in den heutigen Alltag ein. Zwei Bockenheimer Phasen haben ihn geprägt.

www.GeorgMagirius.de
mail@GeorgMagirius.de




 

Georg Magirius

Schönheit als Klang: Die erste Bockenheimer Phase

Ende der 80er Jahre saugt er alles auf, was in Bockenheim nach Geschichten klingt, herausragend die Poetikvorlesungen, etwa die Jurek Beckers. Dazu Theateraufführungen im Bockenheimer Depot, vor allem die unter Regie des legendär gewordenen Einer Schleef. Dessen Art, Sprache als rhythmischen Sprechgesang, als Klang und Schönheit zu verstehen, findet sich in den Auftritten und Lesungen des Autors heute wieder. Nicht zufällig arbeitet der Schriftsteller auch als Featurautor für mehrere ARD-Hörfunksender.



Liebesgeschichten: Die zweite Bockenheimer Phase

Anfang dieses Jahrhunderts dann - inspiriert von einer Muse - Bockenheimer Zeiten der Muße, des Schlenderns und Verweilens, oberhalb des „Tannenbaums“, in der „Volxwirtschaft“, im „Café Laumer“, im Grüneburgpark. All das führt auch zu dem Buch "...denn die Liebe ist von Gott", einer Sammlung uralter biblsicher Liebesgeschichten, die im heutigen Alltag zur Aufführung kommen. Magirius entwickelt den für ihn typischen leichten Stil, der auch Platz im Suhrkamp-Verlag findet.



Kaiser Augustus in der Jordanstraße
Als Schauplatz taucht Bockenheim insbesondere in dem Buch „Es begab sich in diesen Tagen“ auf.

Die alte Weihnachtsgeschichte spielt in Frankfurt. Kultstatus genießt dabei inzwischen, wie sich die Ordnungsmacht des Kaisers Augustus in heutigen Polizisten austobt. Der Ich-Erzähler wird in der Jordanstraße in Bockenheim verhaftet. Was dem mit Handschellen Gefesselten vorgeworfen wird, lesen Sie hier …




 

Mächte wie Kaiser Augustus, die alles in Ordnung halten wollen, operieren nicht nur weich. Ich bin einmal auf eine sehr rustikale Ordnungskraft gestoßen. Keine Chance zur Flucht. Es klingt vielleicht witzig, ist aber kein Witz. Es ist nicht ausgedacht, denn Dogmen können wirklich werden. Ich fuhr Fahrrad, was eigentlich nichts Schlimmes ist. Es war spätnachts – war das bereits verdächtig? Andererseits: In einer Stadt, die sich rühmt metropolengleich wundersam hohe Häuser zu besitzen, dürfte Fahrrad fahren nach Mitternacht noch kein Anschlag auf die gute Meinung sein. Hinter einer Mauerecke sprang ein Polizist hervor: „Absteigen! Los! Los! Fahrrad auf den Boden.“ Mein erster Gedanke – und diebisch freute ich mich, ich war geradezu euphorisch: Mein Rücklicht war nicht kaputt! Ich gestehe: Es hatte Nächte gegeben, in denen es erloschen war. Aber diesmal – ha! Es hatte gebrannt – ich wurde unsicher - oder etwa nicht?

„Hände hoch!“ Doch das mit den hohen Händen war nicht alles, was die Ordnungsperson forderte. Ich musste mich an ein parkendes Auto stellen, die Füße breit, die Hände aufs Dach. Das kannte ich aus Krimis. „Heiße Spur!“ grunzte der Mann mit Waffe zufrieden in sein Funkgerät, mit dem er eine Streife zu uns lockte. Das Fest im Freien, das ich besucht hatte, schien sich endgültig dem Ende zu nähern. Besucher spazierten vorbei, die mich interessiert musterten. „Aber ich bin doch gar nicht der, von dem Sie meinen, dass ich es sei!“, argumentierte ich dem Polizisten gegenüber. O ja, ich war durcheinander. Verzwickt war das. „Wer soll ich sein?“, versuchte ich die Situation einfacher zu fassen. Die sich dazugesellenden Kollegen von der Streife ähnelten zwei Fässern - so dick waren die Schusswesten, die sie unter ihren Hemden trugen. „Das wird sich schon noch zeigen“, wichen sie meiner Frage aus. Geldbeutel und Personalausweis waren inzwischen in die Hände der Ordnung gewandert. Wem das Geld wirklich gehöre, werde sich erweisen, freuten sich die Statthalter der Ordnung. Ich hatte eine Suchanleitung abgeben müssen, damit sie meine Reichtümer aus der Tasche fischen konnten. Längst trug ich Schellen an meinen Händen. Handschellen kannte ich von Fastnachtsspielen, das war mir fast vertraut. Ich war überrascht, wie sehr das kindliche Spiel von einst helfen kann, die Rolle eines Schwerverbrechers zu übernehmen. „Woher haben Sie das Fahrradschloss?“ Ich konnte antworten - und es sogar öffnen. Und dann, dann sagte einer von den Westenträgern: „Vielleicht ist das hier ein Irrtum?“ Ich hätte ihn umarmen wollen, doch mit Handschellen ging das nicht.

Mein erster freier Atemzug seit fünf Minuten. Ich ahnte, dass ich vielleicht doch noch einmal der sein dürfte, der ich war – und nicht etwa der, den ein Dogma, ein Gebot der Ordnung, aus mir machen wollte. Ich war Fahrradfahrer – und kein Bankräuber, Mörder, Terrorist. Auf der Wache wurde telefoniert: „Noch einmal zu Ihrem Anruf wegen des vorhin gestohlenen roten Fahrrads: Handelt es sich um ein Herrenrad?“ Nein, nein, nein – natürlich nicht. Ich war frei, frei, frei. Das gestohlene Gefährt muss ein Damenrad gewesen sein. Und damit war ich nicht festgeschrieben worden in die Liste: Fahrraddieb. Später dann, ein Jahr danach, wurde mein rotes Rad geklaut. Aber das ist eine andere Geschichte.

Aus: „Es begab sich in diesen Tagen. Eine nicht ganz alltägliche Weihnachtsgeschichte nach Lukas“



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